Lothar Kolle

Die träumende Pfarrersköchin und das Entlein

Eigentlich war sie immer gut gelaunt, wenn sie mit ihren Geschwistern und Freundinnen auf dem großen Mühlenteich sich amüsierte, die kleine Ente Elfriede aus dem Stall des Dorfpfarrers Modczigemba. Fröhlich schnatternd konnte sie sich über die manchmal recht krausen Wellen des Teiches gleiten lassen und sich mit den anderen Enten Anregendes erzählen. Und es war immer viel los, wenn sie, die Drolligste von den Geschwistern, dabei war.

In ihrer Jugend hatte sie viele wunderliche Dinge mit der großen Truthenne Trude erlebt. Trude war die Ziehmutter von ihr und den drei Geschwistern Janusch, Erna und Monika. Die Trude hatte sie alle ausgebrütet, weil das immer auf dem kleinen Pfarrhof so üblich war. Die Köchin des Herrn Pfarrer hatte nämlich alle Enten im Winter so nach und nach als Braten auf den Mittagstisch gebracht. So ein auf dem Teich groß gewordenes Entlein war damals etwas ganz Besonderes - wegen seines herrlichen wohlschmeckenden Entenfettes, was der Herr Pfarrer so leidenschaftlich gern zum Abendbrot aß. Im Frühling jedenfalls hatte die Köchin - Auguste hieß sie mit dem Rufnamen - keine Ente mehr, die sie auf die Eier hätte setzen können, um neue Enten ausbrüten zu lassen. Nein, das war in jedem Mai dasselbe Thema: Trude musste auf die Eier gesetzt werden, um die Entenküken auszubrüten. Die Eier besorgte die Köchin vorher vom Mühlenhofe.

Doch für eine Truthenne war das etwas sonderbar, wenn die kleinen Entlein aus den Schalen geschlüpft kamen und nicht brav mit ihr spazieren gehen wollten. Jedes Jahr ging derselbe Zirkus los und Mutter Trude wurde dabei halb verrückt. Sie stand am Ufer, pluderte sich auf und schrie lauthals wie eine Wahnsinnige. Doch die kleine Elfriede mit ihren drei Geschwistern - Janusch, Erna und Monika - watschelte schnurstracks ins Wasser, um davonzuschwimmen. "Putetutetü und Jessermarie", hatte die Alte dann immer gezetert, denn Truthühner können nun mal nicht schwimmen - ja, sie haben mitunter sogar etwas Angst vor dem Wasser. Für "Mutter' Trude war das immer aufs Neue eine große Herausforderung und Aufregung.

Unterdessen war tiefer Winter, und alle früheren Entenbabys waren nun groß und wurden der Reihe nach von der Auguste geschlachtet. Ja, die Pfarrersköchin hatte jeden Samstag um Weihnachten und Neujahr herum einem von ihnen mit dem Beil den Kopf abgehackt und das Blut in einen Tontopf fließen lassen, um dann davon Blutfüllsel zu machen, was der geistliche Herr genau so leidenschaftlich gern aß wie das Entenfett.


Eines Sonntags im tiefen Winter hat sich dann Folgendes zugetragen:
Das Pfarrhaus und die dazugehörende Küche, in der sich die gerupfte Elfriede in der Ofenröhre befand, war nur einen Steinwurf von der Dorfkirche entfernt. Aber nichts half, die Pfarrersköchin schlief immer wieder einmal in der Kirche ein. Manchmal war sie auch so entzückt von der Predigt des Herrn Pfarrer, dass sie selbstvergessen, in der vorletzten Reihe auf ihrem Stammplatz sitzend, nur ihren Chef anhimmelte und dabei sowohl die Ente in der Bratpfanne, als auch den lieben Gott augenblicklich vergessen tat.
Jedenfalls war es schon zweimal vorgekommen, dass sie den Braten hatte kräftig anbrennen lassen. "Jessus Maria" hatte sie dann gerufen, und war eilig aus der Kirche gerannt. Aber es war doch schon zu spät. Das war eine ganz schöne Bescherung, die auch ein bisschen die Sonntagsstimmung verdarb und sich in der Nachbarschaft herumsprechen musste, wie man sich vielleicht denken kann. Ach, konnte das ärgerlich sein! Und der Herr Pfarrer hat sich wirklich aufgeregt, weil er nur einen verkohlten Braten vorgefunden hatte. Doch damit dasselbe Malheur nicht erneut passieren würde, hatte er heute vor dem Kirchgang etwas Wichtiges zu ihr gesagt. "Pass auf, liebe Auguste", hatte er geflüstert, "du brauchst keine Angst zu haben, denn ich gebe dir diesmal während der Messe zur Erinnerung ein deutliches Zeichen..."

Als dann nach der Predigt die Sakramente verteilt wurden und der Herr Pfarrer die lateinische Liturgie zelebrierte, sang er an einer Stelle ganz besonders laut und deutlich, damit die Auguste auch wirklich aus ihren Gedanken und Träumen wachgerüttelt und richtig geistesgegenwärtig wurde.
Er sang in tiefstem Bass:
"Heiß' Sakrament...um -
dreh' die Ent'...um,
dass se nich verbrennt.. .um!"

Daraufhin watschelte die gute Auguste gemütlich aus der Kirche hinüber in die Küche des Pfarrhauses, um das drollige Entlein aus dem Teich, das zu Lebzeiten immer so fröhlich war, dieses Mal rechtzeitig zu wenden.


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