Lothar Kolle
Ein Liedchen nur

Der Windhauch säuselt ein Liedchen mir zu.
Es kommt wie aus alten Zeiten.
Sein Klang sagt mir, wo ich zu Hause bin,
er singt von der Heimat, der weiten ...

Dort, wo meine Mutter mich einst gebar,
dort, wo ich geschützt und geborgen war,
dort zog's mich vor Jahren oft sehnsuchtsvoll hin.

Dort gab es den Baum, den Garten, das Haus,
Gerüche, so altvertraute.
Da kannte ich jeden Hain, jeden Strauch und alle Töne und Laute ...

Dort stieg einst mein Drachen hoch in den Wind,
weit über das Dach der Remise.
Dort suchte ich Ostereier als Kind
auf der blühenden Frühlingswiese.
Und mein Jagdrevier war der Mühlenteich,
da baute ich Schifflein und fühlte mich reich,
ja, das alles gehörte mir! -

Ich hatte im Garten mein eigenes Beet,
kutschierte den Pferdewagen ...
Doch dann wurde alles vom Winde verweht
in düsteren, stürmischen Tagen.

Das ist alles unter meiner Haut,
ist ein Teil meines inneren Lebens.
Und nichts von dem, was ich hörte und sah
und erlebte, war jemals vergebens ...

Das säuselt der Windhauch - was sagte er noch
mit der leisen Melodie,
die zärtlich durch meine Seele zieht?

Meine Heimat vergesse ich nie!

Er sagte: Halte die Heimat in Ehren!
Niemand kann es dir wirklich verwehren,
denn das Leben geht weiter ohne Verweilen
über die Jahre, über die Zeit ...

Und ist nicht die Welt, von Osten bis Westen, von Süden bis zum Norden,
vom tiefsten Meer bis hin zu den Sternen, dir neue Heimat geworden?
Die Grenzen verschwinden in Zeit und in Raum ...

Ein Windhauch ist alles - unendlicher Traum!